Die einen behaupten die von jeher bestehende Ansässigkeit der Albaner im Gebiet ihres heutigen Siedlungsraumes und die anderen ihre Zuwanderung von Osten in ihre heutigen Wohnsitze, wobei man sich über die  Ausgangsgebiete der Zuwanderung bis heute nicht einig ist.

 

Von Kurt Gostentschnigg

Die „albanische Frage“, die die Frage nach der Geschichte des albanischen Siedlungsgebietes, also nach dem historisch ältesten Wohnsitz meint, entfachte das Interesse der Wissenschaft an dem albanischen Volk und ist heute noch neben der Abstammungsfrage die innerhalb der Albanologie wohl am meisten umstrittene und diskutierte. Zudem erhielt und erhält sie immer wieder eine aktuelle politische Brisanz, vor allem in der wissenschaftlichen Polemik zwischen Albanien und Serbien über die angestammtenWohnsitze beider Nationen, weil vieleWissenschaftler und Politiker sich noch immer nicht darüber bewußt sind, daß die Nation nicht unbedingt eine gemeinsame biologische, abstammungsmäßige Grundlage haben muß, sondern vielmehr ein kulturelles Produkt darstellt. Aber aufgrund der ihr zugemessenen Bedeutung soll die Entwicklung dieser Frage vor, während und nach der österreichischungarischen Albanologie hauptsächlich in Anlehnung an Stadtmüllers Erörterungen zu diesem Thema kurz skizziert werden. Es muß vorausgeschickt werden, daß sich die Wissenschaft über dieser heiklen Frage bis heute in zwei konträre Lager spaltet: da sind auf der einen Seite die Vertreter der „illyrischen These“, die Autochthonisten2, und auf der anderen Seite die Vertreter der „thrako-dakischen“ oder „dako-mysischen These“, die Anhänger der  Zuwanderungsthese. Die einen behaupten die von jeher bestehende Ansässigkeit der Albaner im Gebiet ihres heutigen Siedlungsraumes und die anderen ihre Zuwanderung von Osten in ihre heutigen Wohnsitze, wobei man sich über die  Ausgangsgebiete der Zuwanderung bis heute nicht einig ist.
Johann Thunmann stellte unter Bezugnahme auf Ptolemäus4 die Behauptung auf, daß die Heimat der Albaner in der Berglandschaft zwischen Drin und Shkumbin liege. F. C. H. L. Pouqueville wiederumwar derMeinung, daß die Albaner  im Frühmittelalter oder in der mythischen Zeit des Argonautenzuges aus dem Kaukasus eingewandert seien.
Jakob Philipp Fallmerayer setzte den Ursitz der Albaner in dem ganzen Gebiet des heutigen Albaniens und Epirus an. Josef Ritter von Xylander und Johann Georg von Hahn traten für die These des Autochthonentums der heutigen Albaner ein, wobei
Hahn sie mit der Pelasgerfrage5 verband.
Zur Zeit der österreichisch-ungarischen Wissenschaft kam es nun zu einer Verknüpfung dieser Frage mit der sogenannten „rumänischen Frage“. Albanologen wie Miklosich, Schuchardt, Meyer, Jirecek und Jokl schlossen aus den sprachlichen
Übereinstimmungen des Albanischen mit dem Rumänischen, daß die Heimat beider Völker in den römischen Provinzen südlich der Donau anzusetzen sei. Die Albaner seien später im Zuge der Völkerwanderung in ihre heutigen Wohnsitze eingewandert. Jirecek modifizierte diese Anschauung dahingehend, daß er das Siedlungsgebiet der Albaner in der römischen Zeit auf das Bergland zwischen Dalmatien und Donau – gemeint ist die bosnische Berglandschaft zwischen den Tälern des Vrbas und der Drina, wo es keine lateinischen Inschriften und Spuren der Romanisierung gibt – einschränkte.

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2 Responses to Die „Albanische Frage“

  1. ardi sagt:

    Es ist doch glasklar, es gibt die Albanologen die nach Fakten schreiben, und es gibt die anderen, die der serbischen Propaganda unterstellt sind.
    Die Albaner haben Ihre Kultur bewahrt unter all diesen eroberungen, assimilirungversuchen etc. Und durch die Eroberungen sind die Albaner in drei Religionen verteilt, und die ganze Welt sollte an uns ein beispiel nehmen wie man in so eine religöse vielfalt friedlich seit jahrhunderten miteinander leben kann. Aber zuerst gilt die albanische Religion ist das ALBANERTUM.

  2. Fitim sagt:

    Die kurze Schriftlichkeitsperiode der kaukasischen „Albaner“ endete mit der Islamisierung des in der Antike etwa im Nordwesten des heutigen Aserbaidschan beheimateten „albanischen“ Gebiets. Die Sprache der kaukasischen „Albaner“ hat übrigens nichts mit der der Albaner auf der Balkan-Halbinsel zu tun. Es handelt sich vielmehr, wie die jetzt erfolgte Entzifferung der Palimpseste bewiesen hat, um die ältere Vorstufe einer der heute noch existierenden „kleineren“ Sprachen der ostkaukasischen Familie, des Udischen, das jüngst in einem flankierenden, ebenfalls von der VW-Stiftung geförderten Projekt („Endangered Caucasian Languages in Georgia“) in Kooperation der Partner an den Universitäten Frankfurt und München mit reichhaltigem audiovisuellem Material dokumentiert wurde. Das Udische gehört damit zu den wenigen Sprachen der Erde, deren Geschichte sich über einen Zeitraum von 1500 Jahren zurückverfolgen lässt.

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